Auf dem Foto sieht man drei Männer, die an einem Tisch mitten in einer riesigen Werkshalle sitzen und Karten spielen.

Gesichter der Arbeit

Rauchende Schlote, Menschen in Kittelschürze und Blaumann – Berlin ist vor dem Fall der Mauer ein bedeutender Industriestandort. Die Ausstellung „Gesichter der Arbeit – Fotografien aus Ostberliner Industriebetrieben von Günter Krawutschke“ zeigt bis zum 26. Juli 2020 eine Welt, die nicht länger existiert.

Fotografien Ostberliner Industriebetriebe

Die Bedeutung Berlins als wichtiger Industriestandort gilt zu DDR-Zeiten insbesondere für den Ostteil der geteilten Stadt. In der Hauptstadt der DDR schlägt neben dem politischen auch das industrielle Herz des Arbeiter- und Bauernstaats. Eine Vielzahl von Volkseigenen Betrieben (VEB) verteilt sich über dieses Stadtgebiet - darunter auch über ein Dutzend Großbetriebe mit mehreren tausend Beschäftigten.

Auf dem Foto ist ein Kraftwerk zu sehen, aus dessen Schronsteinen dichter Rauch aufsteigt.
Das 1926 in Betrieb genommene Kraftwerk in Berlin-Rummelsburg ist nach seinem Konstrukteur Georg Klingenberg benannt. Sein Bruder Walter zeichnet zusammen mit Werner Issel für die expressionistische Architektur des Baus verantwortlich. Es ist bis heute in Betrieb. Neben der Versorgung des Ostens Berlins mit Fernwärme wurde und wird hier auch Strom erzeugt – unter anderem für die Berliner S-Bahn.
SDTB, Historisches Archiv / Foto: Günter Krawutschke

Porträt der ostdeutschen Industrie­arbeiterschaft

Das Foto zeigt zwei Arbeiter, die mit schweren Arbeitsgeräten in einer Werkhalle hantieren und offensichtlich stark erschöpft sind.z
Günter Krawutschke schreibt später zu dieser Szene im BMHW: „Das ist eine von den Stellen, wo es besonders hart zur Sache ging. Metall wurde gebogen, gepresst, gewalzt und gezogen, und die Maschinen waren nicht gerade das, was man heute kennt. Man sieht die Schwere der Arbeit, und wie sie da wirklich knechten mussten. Der Mann ist total erschöpft, und mit dem Arbeitsschutz war es auch nicht weit her. Wenn ich aus so einem Werk nach Hause kam, war ich immer total geläutert.“
SDTB, Historisches Archiv / Foto: Günter Krawutschke

Diese Welt kennt Günter Krawutschke wie kaum ein anderer. Seit 1965 arbeitet er als Bildreporter und Fotograf für den Berliner Verlag. Ein Schwerpunkt seiner Tätigkeit sind die Industriebetriebe im Ostteil der Stadt. So ist er oft in Fabriken wie dem Kabelwerk Oberspree (KWO), den Metallhütten- und Halbzeugwerke (BMHW) oder der VEB Elektrokohle Lichtenberg (EKL). Dabei interessieren ihn weniger die Produktionsabläufe oder Wirtschaftszahlen - er ist fasziniert von den Menschen, die hier arbeiten. Neben offiziellen Presseterminen nimmt er sich die Zeit, diese Welt zu studieren und mit seiner Kamera einzufangen.

50 ausgewählte Aufnahmen vermitteln ungeschönte und teils intime Einblicke in diese längst verschwundene Welt: Sie dokumentieren emotionale Momente und starke Charaktere vor dem nüchternen Hintergrund des harten Arbeitsalltags – Aufnahmen, die zu DDR-Zeiten zumeist nicht veröffentlicht werden konnten.

Auf dem Foto ist eine Frau im kohleverschmierten Arbeitskittel zu sehen, die sich lachend die Haare kämmt.
Eine Arbeiterin im VEB Elektrokohle nutzt eine Arbeitspause, um ihr Haar zu kämmen.
SDTB, Historisches Archiv / Foto: Günter Krawutschke

30 Jahre Friedliche Revolution und Mauerfall

Krawutschke wird so unbeabsichtigt zum Chronisten einer Wirklichkeit, die schon wenige Jahre später nicht mehr existiert. Der politischen Wende 1989/90 folgt ein radikaler ökonomischer Umbruch. Heute sind in den Werkhallen, in denen er Arbeiterinnen und Arbeiter sowie Jugendbrigaden fotografiert hat, oftmals Asiamärkte oder Luxuslofts.

30 Jahre Friedliche Revolution und Mauerfall: Dieses Jubiläum ist der passende Anlass, um mit Hilfe dieser Fotografien an die tatsächliche Arbeitswirklichkeit in der späten DDR zu erinnern - jenseits aller Propaganda.

Der Fotograf

Günter Krawutschke wurde 1940 in Staßfurt, Sachsen-Anhalt, geboren. Nach Oberschule und Armeedienst arbeitete er als Kameraassistent beim Deutschen Fernsehfunk (DFF) in Ostberlin. Zwischen 1965 und 1992 war er als Bildreporter und Fotograf für den Berliner Verlag tätig. Seitdem ist er freiberuflicher Fotograf und Designer.

Parallel zu seiner Berufstätigkeit absolvierte er eine Fotografenlehre und im Anschluss ein Diplomstudium an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig. Er war Mitglied im Verband Bildender Künstler der DDR.

Neben Industrieportraits widmete er sich vor allem der Architektur im Zentrum Berlins – so dokumentierte er die Spandauer Vorstadt, von 1988 bis 1995 den Wiederaufbau der Neuen Synagoge Berlin in der Oranienburger Straße oder die Entwicklung der Friedrichstraße seit 1990.