Interaktives Zeitzeugnis als Museums-Angebot

18.02.2020

Erstes deutschsprachiges Zeitzeugen-Interview mit der Shoah-Überlebenden Anita Lasker-Wallfisch: Die Beta-Testphase mit Schulklassen startet im Deutschen Technikmuseum.
 

Pressematerialien

Bitte beachten Sie die Hinweise zur Verwendung unserer Pressebilder.

Pressemitteilung

Interaktives Zeitzeugnis als Museums-Angebot
Erstes deutschsprachiges Zeitzeugen-Interview mit der Shoah-Überlebenden Anita Lasker-Wallfisch / Beta-Testphase mit Schulklassen im Deutschen Technikmuseum

Das Deutsche Technikmuseum in Berlin startet im Februar die Testphase eines interaktiven Zeitzeugnisses für Schulklassen zum Thema Shoah. Inhalt ist das erste deutschsprachige Interview der Biografiereihe „Dimensions in Testimony“ mit der Auschwitz-Überlebenden Anita Lasker-Wallfisch. Das Programm wird in Kooperation mit der University of Southern California (USC) Shoah Foundation und mit Unterstützung der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ (EVZ) durchgeführt.

„Dimensions in Testimony“ ist eine von der USC Shoah Foundation ins Leben gerufene Initiative zur Aufzeichnung und Darstellung von Zeugenaussagen in einem Medium, das die Bedeutung des Dialogs hervorhebt. Moderne Spracherkennungsprogramme ermöglichen es den Teilnehmerinnen und Teilnehmern, den Shoah-Überlebenden Fragen zu ihren Lebenserfahrungen zu stellen und die Antworten in Echtzeit auf einer lebensgroßen Monitor-darstellung wahrzunehmen. Dadurch wird eine Nähe zur befragten Person möglich, die bislang bekannte Medien-formen nicht besaßen. Als Sammlung interaktiver Zeitzeugnisse von Shoah-Überlebenden und anderen Zeitzeugen von Genoziden ermöglicht es „Dimensions in Testimony“ den Nutzern, mit vorab und eigens dafür aufgezeichneten Interviews mit Überlebenden in eine Frage-Antwort-Interaktion zu treten.

Tausende Fragen und Antworten vor dem Green Screen

Bis heute haben 22 Überlebende der Shoah an „Dimensions in Testimony“ teilgenommen. Jede und jeder Befragte sitzt in einer Green-Screen-Umgebung, umgeben von Kameras und vor einem Mikrofon. Die interviewende Person stellt Fragen, jede Antwort wird als separater Videoclip aufgezeichnet. Die Interviewpartner beantworten bis zu 2.000 Fragen zu ihrer Lebensgeschichte. So entsteht eine Datenbank aus Antworten, die durch mündlich gestellte Fragen der Nutzer abgerufen werden können. Mit Hilfe von Natural-Language-Technologie wandelt das System die gesprochenen Fragen in Suchbegriffe um. Danach ordnet das „Dimensions in Testimony“-System die Suchbegriffe jeweils derjenigen Antwort der Befragten zu, die am besten dazu passt. Darauf wird der dazu gehörige Videoclip abgespielt – es entsteht der Eindruck einer Gesprächssituation. Anita Lasker-Wallfischs interaktives Zeugnis wurde im Frühjahr 2019 in ihrer Heimatstadt London aufgenommen und mit Unterstützung der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ (EVZ) finanziert.

„Das persönliche Interesse an Geschichte und Geschichten der Shoah steht bei ‚Dimensions in Testimony‘ im Vordergrund. Dieses neue Format ermöglicht es Schülerinnen und Schülern, ihre eigenen Fragen zu entwickeln und Antworten darauf im zuvor aufgezeichneten Interview mit Anita Lasker-Wallfisch zu finden“, so Karen Jungblut, USC Shoah Foundation’s Director of Global Initiatives. „Wir sind erfreut, dies nun hier gemeinsam mit dem Deutschen Technikmuseum und Schulgruppen zu testen. ‚Dimensions in Testimony‘ greift Frau Lasker-Wallfischs unermüdlichen Einsatz gegen Antisemitismus und jegliche Form von Hass auf und macht Hoffnung und Mut, gerade jetzt.“

Prof. Joseph Hoppe, Stellvertretender Direktor des Deutschen Technikmuseums, sagte am Dienstag: „Wir freuen uns sehr, das interaktive Zeitzeugnis der Auschwitz-Überlebenden Anita Lasker-Wallfisch im Deutschen Technikmuseum zeigen zu können. Das eindrucksvolle Format zeigt, welche Rolle der verantwortungsvolle Einsatz moderner Technologie für historische Bildung spielen kann. So wollen wir auch zukünftigen Generationen einen persönlichen Zugang zur Geschichte ermöglichen und der Verantwortung des Technikmuseums in der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus gerecht werden.“

Das Deutsche Technikmuseum hat mehrere Bezugspunkte zum Thema des Projekts. Die Dauerausstellung zum Schienenverkehr weist seit den 1980er Jahren auf die Rolle der Eisenbahn bei der Deportation in die Vernichtungslager hin. Der physischen Vernichtung ging zudem die Enteignung persönlicher Wertgegenstände voraus, zu denen auch technische Konsumgüter gehörten. Das Museum widmet sich daher seit einiger Zeit gezielt der Provenienz-forschung zu seinen Sammlungsbeständen. Zudem gehören Schulklassen zu den wichtigsten Zielgruppen des Museums – und das interaktive Zeitzeugnis soll es gerade jungen Menschen ermöglichen, einen Zugang zu der wichtigen Thematik der Shoah zu finden.

Anmeldung von Schulklassen

Bis zu den Sommerferien Mitte Juni ermöglicht das Deutsche Technikmuseum interessierten Schulklassen, an der Testphase des Interviews teilzunehmen.
Anmeldungen werden durch den Kurator Straßenverkehr des Deutschen Technikmuseums, Dr. Frank Steinbeck, entgegengenommen. Tel: 030/90254-143; E-Mail: steinbeck@technikmuseum.berlin.

Anita Lasker-Wallfisch

Anita Lasker-Wallfisch, geboren am 17. Juli 1925 in Breslau, Deutschland, ist eine bekannte Rednerin in Deutschland und an deutschen Schulen. Sie war Cellistin im Orchester von Auschwitz und später Mitbegründerin des English Chamber Orchestra. Als prominente Persönlichkeit der deutschen Überlebendengemeinschaft sprach sie am Internationalen Holocaust-Gedenktag 2018 vor dem Deutschen Bundestag.

USC Shoah Foundation

USC Shoah Foundation – Das Institut für visuelle Geschichte und Bildung – mit Sitz an der University of Southern California verfügt in seinem Visual History Archive über mehr als 55.000 Video-Zeugnisse von Überlebenden des Holocaust. Die Forschungsarbeiten und Archivbestände der USC Soah Foundation werden von Museen, Universitäten und Schulen weltweit genutzt.

Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ (EVZ)

Die Stiftung EVZ wurde im Jahr 2000 gegründet, um Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter während der Zeit des Nationalsozialismus zu entschädigen. Seit dem Abschluss der Auszahlungen leistet die Stiftung EVZ humanitäre Hilfe für Überlebende, fördert die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und stärkt zivilgesellschaftliches Engagement in Ost- und Mitteleuropa.

In Kooperation mit der USC Shoah Foundation, gefördert von der Stiftung EVZ

Das Logo der USC Shoah Foundation. Der Schriftzug "USC" in roten Buchstaben, "Shoah Foundation" in schwarzen Buchstaben. Darunter steht"The Institute for Visual History an Education".
Logo der Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft". Man liest "evz" in blauen Buchstaben, "Stiftung" ebenfalls in blau, darunter "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft" in schwarz.